Peter Gbiorczyk


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Geleitwort - Professor Dr. Gerhard Menk, Universität Giessen

Die Beschäftigung mit dem Schulwesen im Rahmen der allgemeinen Bildungsgeschichte hat eine lange Tradition. Sie verbindet sich in Deutschland vor allem mit dem Marburger Theologieprofessor Heinrich Heppe, dessen fünfbändige „Geschichte des deutschen Volksschulwesens“, die zwischen 1858 und 1860 erschien, bis heute als Markstein gelten darf. Sie liegt in einem Nachdruck von 1971 vor. Aber auch Friedrich Paulsens Abhandlung über „Das deutsche Bildungswesen in seiner geschichtlichen Entwicklung“, die etliche Jahrzehnte später zu Anfang des 20. Jahrhunderts erschien, rechnet ebenfalls zu den grundlegenden Werken zur Thematik. Paulsen, der einen Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik an der Berliner Universität innehatte, kam allerdings auch aus der Theologie, hatte er doch hier promoviert, ehe er in sein neues, großes Arbeitsfeld der Schul- und Bildungsgeschichte wechselte und hier Landmarken setzte. Paulsen hatte es leicht, hatte doch das Bildungswesen des deutschen Kaiserreiches mit dem Gymnasium voran eine Führungsposition in der Welt.

 

Selbst wenn die heutige Bildungsforschung einschließlich der Geschichte des Schulwesens heute weit stärker von den Historikern als den Theologen betrieben wird, so knüpft der Autor dieser Studie als früherer Pfarrer und Dekan in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck wieder an die älteren, berühmten Traditionen an. In ihrem Zugang zum Thema freilich füllt dieser Beitrag nicht nur eine Forschungslücke, sondern erfüllt auch alle Anforderungen, die die jüngere Forschung an eine Untersuchung zur Schulgeschichte im engeren und der Bildungsgeschichte im weiteren Rahmen stellt. Dies beginnt schon mit dem Rückgriff auf die Quellen. Peter Gbiorczyk hat sich dabei insbesondere die reiche Überlieferung zu eigen gemacht, die im Hessischen Staatsarchiv Marburg über die Grafschaft Hanau-Münzenberg zur Verfügung steht. Dies gilt insbesondere für die seriellen Quellen in Form der Presbyterialprotokolle, die der Studie ein bestens belastbares Gerüst verleihen. Gerade im Quellenbereich löst die stupende Erschließung auch weiterer Aktenbestände Forderungen ein, die sich üblicherweise an territorialgeschichtliche Studien richten. Darüber hinaus fußt die Darstellung auf dem neuesten Stand der Forschung.

 

Ohne Frage stellt die vorliegende Studie insgesamt eine beachtliche Forschungsleistung dar, die sich als erhebliche Bereicherung für die ohnehin zuletzt stark angewachsene schulgeschichtliche Literatur im deutschen und europäischen Raum erweisen wird. Wenn sie sich dabei in einem territorialen Rahmen bewegt, so darf sie gleichwohl jenseits ihres eigentlichen Gegenstandes zugleich als ein gewichtiger landesgeschichtlicher Beitrag angesehen werden, der sie künftig für die Geschichtsschreibung über die Grafschaft Hanau-Münzenberg unentbehrlich macht. Damit trägt sie dazu bei, die in der hessischen Landesgeschichte immer noch stiefmütterlich behandelten Grafschaften des Wetterauer Grafenvereins, die durch ihre große geographische Spannbreite zwischen dem Mittelrhein und dem mittleren Main und ihren Schwerpunkten im Westerwald und in der Wetterau einen gewichtigen Platz im heutigen Hessen einnehmen, besser zu erschließen. Gerade die territoriale Vielfalt der Grafschaft Hanau-Münzenberg, die sich zum einen in der Residenzstadt mit ihren seit dem späten 16. Jahrhundert mehrkonfessionellen Verhältnissen spiegelt, zum anderen in den völlig unterschiedlichen Verhältnissen der Obergrafschaft abbildet, kommt dabei bei der Erhellung der jeweiligen lokalen Verhältnisse bestens zum Ausdruck.

 

Sie bietet damit zugleich einen reichen Fundus für die Ortsgeschichte der wenigen hanauischen Städte und mehr noch der vielen Dorfschaften. Daß sie dabei ganz überwiegend bisher unbekanntes Gelände betritt, braucht nicht eigens betont zu werden. Schließt die Studie fraglos eine große Forschungslücke, so läßt sie zugleich beim Blick auf das frühneuzeitliche hanauische Bildungswesen insgesamt ein nicht minder großes Forschungsdefizit deutlich werden. Denn die 1607 gegründete Hohe Schule Hanau ist zwar als zentrale territoriale Bildungsanstalt für Pfarrer und Lehrer in ihren Anfängen unter dem Grafen Philipp Ludwig II. gleich mehrfach untersucht worden, doch fehlt eine ähnlich quellengesättigte Studie wie die vorliegende über die gesamte Länge ihres Bestandes. Mit ihr ließe sich das gesamte institutionelle Gefüge der hanauischen Bildungswelt abrunden, die immerhin vom Main bis weit in die Wetterau hinein und zugleich bis vor die Tore Fuldas reichte.


 

 


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